Worum geht´s?

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Die traditionellen Lehreinheiten insbesondere an den Universitäten (Vorlesung, Übung, Seminar, Praktikum …) verändern sich. Ein wesentlicher Grund ist die orts- und zeitunabhängige Möglichkeit, im Internet Informationen zu erhalten, die früher für Studierende nur mit Mühen und Zeitaufwand zugänglich waren: Der Wissensvorsprung der Lehrenden ist nicht mehr selbstverständlich.

Der Lehrende als Moderator des Lernprozesses – dies wird zunehmend an Schulen und Hochschulen gefordert. Hilfsmittel dabei bietet das Internet im Überfluss. Lehr- und Lernplattformen (z.B. modle, aber auch viele andere) gehören zu diesen Hilfsmitteln (vergl. die vom Autor an der Universität Bremen genutzte Seite <imtreibhaus.de/moodle>).

Mit diesem Blog will der Autor einige Erfahrungen der letzten Zeit zur Diskussion stellen.

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2 Gedanken zu “Worum geht´s?

  1. Meine erste Assoziation unter Rückgriff auf meine Erfahrung dazu: Ich trenne den Erwerb von Kenntnissen (z. B. in der Schule oder Berufsschule) definitorisch von der selbst organisierten und selbst verantworteten Erarbeitung von Erkenntnissen. Um systematisch zu Erkenntnissen zu gelangen, sollten die Studierenden zu Beginn ihres Studiums dazu angehalten werden, darüber nachzudenken, was eigentlich eine „Erkenntnis“ ist, welche im jeweils studierten Inhaltsbereich bisher allgemein kommuniziert wurde und wie der Prozess der subjektiven und allgemeinen Erkenntnisgewinnung verläuft. Auf welche Art und Weise lassen sich in Natur- und Technikwissenschaften, in den Geistes- und Sozialwissenschaften methodisch Erkenntnisse gewinnen? Welche „Theorien der Wahrheit“ werden seit Jahrhunderten tradiert und diskutiert? Welche Erkenntnismethoden sind in den Fachwissenschaften und den Fachdidaktiken überhaupt aktuell relevant (z. B. analytische Wissenschaftstheorie versus dialektisch-hermeneutische Wissenschaftstheorie!)? Nun kommen die digitalen Medien in den Fokus! Wie lassen sie sich „sinnvoll“ in das Studium und die Lehre integrieren? Geht es hauptsächlich um orts- und zeitunabhängiges asynchrones up- und download von Texten und Aufgaben, um Anhören von podcasts oder Ansehen von youtube-Videos? Für mich sollte – vor allem in den Erziehungs- und Bildungswissenschaften – die dialektisch-hermeneutische Erkenntnismethode im Vordergrund stehen. Das bedingt dann einen hohen Grad an Intensität der auf Erkenntnis gerichteten Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden so wie zwischen den gemeinsam Lernenden. Un habe ich allerdings seit Jahen beobachtet, dass genau diese Kommunikation auch mit dem Einsatz digitaler Möglichkeiten kaum genutzt wird. Die Nutzung der digitalen Medien beschränkt sich weitgehend auf den Austausch von organisatorischen Details, von Texten und Listen. Die Nutzung erfolgt meiner Einschätzung zufolge überwiegend, um den Tagesablauf zu optimieren – immer mehr zeitlichen Anforderungen oder fremd- bzw. selbstgesetzten Ansprüchen soll mit dem PC, mittlerweile aber auch dem Notebook, Pad oder smartphone begegnet werden. Wie in der Arbeitswelt so haben sich auch das Leben im Privaten und das Studium nicht zuletzt wegen der Informatisierung deutlich verdichtet. Immer mehr Informationen, die uns digital über eine kaum noch zu übersehende Vielzahl von Kanälen erreichen, lassen uns an Infos ersticken. Was ist wichtig und was ist unwichtig für mein Studium und meinen Erkenntnisprozess? Im FB12 wird gerade von den Studierenden die von Kolleginnen und Kollegen geforderte Anwesenheitspflicht kritisch diskutiert. Mangels Anwesenheit können sich auffallend viele Studierende in den meisten Lehrveranstaltungen an erkenntnisgeleiteten Diskursen nicht beteiligen. Wird der Diskurs alternativ oder ergänzend zur Lehrveranstaltung im Netz geführt. Meine Erfahrung: so gut wie nicht; auch das würde ja ein erkenntnisgerichtetes Interesse sowie die Bereitschaft voraussetzen, Zeit für den gemeinsamen Bildungs- und Erkenntnisprozess aufzubringen. Bildung braucht Zeit. Erkenntnisprozesse auch; deshalb gibt es ja auch in zahlreichen – vor allem natur- und technikwissenschaftlichen – Studiengängen Experimente, Übungen und Versuche. Gedankliche (theoretische) Konstruktionen sollen in der Labor- und Werkstattwelt experimentell überprüft werden. Diesen zeitlichen Erfordernissen können sich die Studierenden kaum entziehen, wollen sie ihr Studium nicht gefährden. Im Bereich der Bildungs- und Erziehungswissenschaft habe ich beobachte, dass sich auffallend viele Studierende dem aus wissenschaftlicher und erkenntnistheoretischer Sicht erforderlichen Diskursprozess sowohl in den Lehrveranstaltungen als auch im virtuellen Bereich konsequenzenlos entziehen (können). Die Rationalisierungsgewinne bei Nutzung der digitalen Medien liegen deshalb meiner Beobachtung zufolge nicht bei der Steigerung der Produktivität des Erkenntnisprozesses, sondern bei der Strukturierung des Alltags bis zur psychischen Erschöpfung der Lehrenden und Lernenden. These: die Nutzung digitaler Medien hat die Erkenntnisprozesse nicht nur nicht gefördert, sondern beobachtbar wegen der zugenommenen Verdichtung des Alltags zunehmend behindert. Konklusion: Entschleunigung auf allen Ebenen des Lebens ist Voraussetzung dafür, dass Lehrende und Studierende sich wieder mit der notwendigen innerlichen Ruhe auf existenzielle Erkenntnisfragen einlassen können. Eine Verengung des Blickes auf digitale Medien führt dabei in die Irre.

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    • Die Nutzung digitaler Medien hat den Lernprozess (ich beziehe mich hier vor allem auf das Studium an der Universität) tatsächlich nicht qualitativ verbessert. Die Möglichkeit, auch ohne Präsenz in der Vorlesung die wesentlichen Informationen asynchron über Internet und Lernplattform abrufen zu können, erleichtert den Aufbau einer „Lernumgebung“: Alles liegt jederzeit und ortsunabhängig bereit zur Nutzung. Dann geht es aber nicht weiter: Der Erkenntnisprozess kommt nicht in Gang. Die kontinuierliche Anwesenheit einer Lerngruppe in der traditionellen Vorlesung schafft atmosphärisch sehr viel bessere Möglichkeiten, voneinander und miteinander zu lernen als der Kontakt über ein Forum oder einen Chat auf der Lernplattform. Die Bereitschaft und Motivation der Studierenden, online miteinander zu diskutieren, haben wir überschätzt.

      Auch die zunehmend angebotenen reinen online-Vorlesungen sind für die Studierenden zwar praktisch, bringen aber keine neue Qualität des Lernens. Eine Vorlesung, die komplett mit Videoequipment aufgenommen und dann aus dem Netz abgerufenwereen kann, vermittelt die Sachinformationen einschließlich Grafiken und Folien genau so gut, wie man sie in Präsenz erhält. Aber zwangsläufig muss es sich um eine reine Frontalveranstaltung handeln, sonst könnte man sie nicht mit starr installierter Kamera aufnehmen. Eine Frontalvorlesung kann sehr gut und spannend sein, sie muss es aber nicht sein. Wenn der/die Vortragende nicht über die besondere Gnade des mitreißenden Vortrags verfügt, schläft der Zuschauer im Laufe der eineinhalb Stunden ein – egal, ob in Präsenz oder zuhause auf dem Sofa. Bei Durchsicht der typischen „moocs“ ist unübersehbar, dass die international von tausenden Hörern nachgefragten online-Vorlesungen eben von sehr guten Vortragenden präsentiert werden, die sehr gut erklären können. Die didaktischen Fähigkeiten des Lehrenden sind das entscheidende, nicht die Frage, ob es online stattfindet oder in Präsenz.

      Aber da fehlt doch etwas? Wo ist denn das selbstgesteuerte Lernen, der Lehrer als Moderator, der didaktische Mehrwert des digitalen Lernprozesses? Gibt es irgendwo auch online-Angebote, in denen Erkenntnisprozesse angeleitet, Lernen gesteuert, am Bekannten angedockt wird, irgendwie konstruktivistisch vorgegangen wird?

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