Lernplattformen in der Praxis

Erfahrungen mit der Lernplattform Moodle in der universitären Ausbildung

Wozu eine Lernplattform?

Die Verdichtung des Studiums im Zuge der Umstellung auf das Bachelorstudium mit 6 Semestern Regelstudienzeit hat eine spürbare Entfremdung der Studierenden gegenüber dem Studium als solchem gebracht. Sie fühlen sich nicht mehr in der Universität „zu Hause“, sondern sie kommen, um das ihnen abverlangte Pensum zu erfüllen. Das Curriculum folgt einem Stundenplan, der von den Lehrenden in ein Raster von verfügbaren Veranstaltungsräumen und Zeiten gezwängt wurde, und die Inhalte sind daraufhin ausgelegt, dass sie am Ende des Semesters abgeprüft und mit drei Creditpoints pro zwei Semesterwochenstunden bewertet werden können. In den Lehrerstudiengängen, in denen ich unterrichtet habe, müssen drei Studienfächer parallel studiert werden (zwei klassische „Fächer“ wie z.B. Deutsch und Mathematik oder Sport und Sachunterricht und zusätzlich das Fach Erziehungswissenschaften), und es ist organisatorisch sehr schwierig, die entsprechenden Zeitfenster überschneidungsfrei einzurichten. Studierende lösen das Problem oft, indem sie sich zu Partnerschaften zusammenschließen, deren Mitglieder abwechselnd bestimmte Veranstaltungen besuchen und die Unterlagen jeweils austauschen. Das gelingt umso besser, je besser die Vorlesung vom Dozenten vorbereitet und dokumentiert wird. Traditionell kann diese Aufgabe der „Reader“ erfüllen, der zu Beginn des Semesters vom Dozenten zur Verfügung gestellt und von der TeilnehmerInnen kopiert wird. Der „Reader“ ist aber ein unflexibles Instrument, das den Dozenten in einen festen Ablauf von Inhalten zwängt und aktuelle Diskussionen in der Veranstaltung nicht wiedergibt.

Warum Moodle?

Fast jede deutsche Universität hat inzwischen eine oder mehrere eigene Plattformen. An der Universität Bremen ist das z.B. Studio. Jede/jeder Studierende erhält bei der Immatrikulation einen Zugang zum internen Netz und damit auch zu Studio. Alle Lehrveranstaltungen werden hier aufgeführt und können hier belegt werden. Studio kann natürlich auch zur Dokumentation der Veranstaltung genutzt werden (einschließlich der üblichen Elemente wie Diskussionsforen, Wikis, Verwaltung von Gruppen usw.), aber dies wird von der Mehrheit der Dozenten noch nicht genutzt. Gründe für die Verwendung von Modle statt Studio waren für mich:

– Moodle ist an Schulen und Hochschulen in Deutschland wie auch im Ausland weit verbreitet. Man macht also nichts falsch, wenn man diese Plattform benutzt.
– Moodle ist ein Open Source Programm. Mit etwas Erfahrung im Umgang mit Servern und Datenbanken kann man Modle selbst installieren und verwalten. Das ist ein wichtiger Aspekt für LehrerInnen, die Modle an ihrer Schule einführen wollen. Die auf dieser Website

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benutzte Moodle-Plattform (Version 1.9, also inzwischen veraltet) wurde vom Autor auf seiner privaten Website (mit Datenbank, MySQL und PHP) installiert.
– Der Zugriff auf die Modle Plattform ist vor allem zu Semesterbeginn direkter und schneller als der Zugriff auf die Universitätsplattform, weil Studio durch die große Zahl der sich einschreibenden Studierenden überlastet ist. Das wird vor allem dann zum Problem, wenn die Teilnehmerzahl begrenzt ist und die Anmeldung zur Veranstaltung zu einem bestimmten Termin abgeschlossen sein muss.

Design und Inhalt

Die Inhalte des jeweiligen Moodle-Kurses sind keine vollständige oder wörtliche Wiedergabe dessen, was in der Veranstaltung besprochen wurde. Sie werden auch nicht schon zu Beginn des Semesters veröffentlicht, sondern wöchentlich unmittelbar vor der Veranstaltung oder auch kurz danach. Die Inhalte sind also aktuell. Sie enthalten genau die Abbildungen und Berechnungsbeispiele, die in der Veranstaltung präsentiert wurden und sind daher die perfekte Gedächtnisstütze für die TeilnehmerInnen. Sie ersparen den größten Teil der persönlichen Miitschrift, die von aufmerksamen TeilnehmerInnen erwartet wird. Die Moodle-Dokumente überbrücken Kenntnislücken, die durch unregelmäßige Teilnehme entstanden sind. Sie ersetzen aber nicht die häufige Teilnahme an der Veranstaltung – das ist auch Absicht. Die Veranstaltung soll nicht als Fernstudium aufgefasst werde, sie soll nur den Termindruck verringern.

Reaktion der Studierenden und die Veränderungen im Lauf mehrerer Semester

Zu Beginn der Moodle-Nutzung (Sommersemester 2009?) waren die Studierenden noch wenig vertraut mit Plattformen dieser Art. Dies hing wohl auch damit zusammen, dass soziale Plattformen wie Facebook und auch Smartphones noch nicht so verbreitet waren wie sie es heute (2014) sind. Ein Anteil von etwa 30% (geschätzt) stand der zunehmenden Nutzung digitaler Medien in den Lehrveranstaltungen eher skeptisch gegenüber. Weitere 30% (geschätzt) waren bereit, sich auf das Experiment Lernplattform einzulassen und sich aktiv in Foren und Wikis einzubringen. Das wurde deutlich bei der Bearbeitung von Übungsaufgaben, die gegen Ende des Semesters als Lernfortschrittskontrolle gestellt wurden. Die Studierenden sollten sich in Gruppen von maximal 4 TeilnehmerInnen formieren und bekamen jeweils ein „gruppenspezifisches Wiki“ zugeteilt. Die Beiträge in diesen Wikis waren nur für die jeweiligen Gruppenmitglieder (aber natürlich auch für den Administrator) sichtbar. Die Idee war, online und zeitversetzt die gestellten Aufgaben diskursiv zu lösen: Durch Nachfragen zum Verständnis, durch Vorschläge zur Lösung, durch Korrekturen von Vorschlägen usw. Die endgültigen Lösungen sollten dann als Datei in einem bereitgestellten online-Formular zu einem bestimmten

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Abgabetermin hochgeladen werden. Die abgegebenen Lösungen waren nur für den Dozenten zugänglich.
Natürlich war es auch möglich, die Bearbeitung der Aufgaben konventionell in persönlichen Arbeitssitzungen durchzuführen. Die onine-Bearbeitung wurde vom Dozenten nicht verbindlich vorgeschrieben, aber ausdrücklich empfohlen, um die Form des „kolaborativen Arbeitens“ über eine Plattform zu üben, da dies zweifellos eine wichtige Kooperationsform auch in Arbeitsplätzen der Zukunft darstellt. Es wurde auch betont, dass von den Lehramtsstudierenden heute erwartet wird, dass sie beim Eintritt in die schulische Arbeitswelt fundierte Kenntnisse in digitalen Kommunikationstechniken mitbringen und dies in den Unterricht einbringen können.

Die Diskussion in den Wikis der Arbeitsgruppen war nicht immer ergiebig. Manche Gruppen stellten nur die Ergebnisse ein, die sie anschließend als Lösung hochluden. Bei einigen Gruppen wurde immerhin deutlich, dass die einzelnen Gruppenteilnehmer arbeitsteilig vorgegangen waren. An interessantesten waren die Diskussionen in den (wenigen) Gruppen, die so gearbeitet hatten, wie es vom Dozenten empfohlen worden war: Hier wurden tatsächlich Verständnisprobleme besprochen und erste Lösungsansätze zur Diskussion gestellt, bis schließlich die endgültige Lösung von allen akzeptiert und hochgeladen wurde. Eine Rückkopplung zum Dozenten fand fast nie stand, obwohl dazu ausdrückliche ermuntert wurde.

Es wurde in der Vorlesung nicht ausdrücklich diskutiert, ob der Zugang des Dozenten zu den Wikis von Studierenden eindeutig abgelehnt wird. Den meisten Studierenden war klar, dass der Dozent „mitlesen“ kann, aber möglicherweise nicht allen. Deshalb ist durchaus möglich, dass Arbeitsgruppen die Diskussion im Wiki vermieden, um eigene Schwächen nicht sichtbar zu machen. Aus der Sicht des Dozenten waren die Diskussionen in den Wikis außerordentlich interessant, denn sie offenbarten zum Teil überraschende Wissens- und Verständnislücken, die Anlass zur Klärung in der Vorlesung gaben. Es kam den Studierenden eindeutig zu Gute, dass sie ihre Wissenslücken offenbarten. Die Studierenden hätten auch in der Vorlesung oder in persönlichen Gesprächen in der Sprechstunde inhaltliche Probleme ansprechen können, haben dies aber nur in sehr seltenen Fällen „gewagt“. War ihr Verhältnis zum Dozenten zu distanziert, um Wissenslücken zu offenbaren? War die online-Diskussion in den Wikis, wenn sie stattgefunden hatte, nur möglich, weil die Teilnehmerinnen nicht daran dachten, dass der Dozent eventuell mitlesen könnte?

Zwei Jahre später (Wintersemester 2013/2014): Die Studierenden sind vertraut, die Anmeldung auf der Plattform und der zugriff auf die Inhalte sind kein Problem mehr. Die aktive Mitarbeit in Foren und Wikis hat aber nicht etwa zugenommen, sondern abgenommen! Der Schwierigkeitsgrad der Übungen ist über die Jahre gleich geblieben, die Gruppenbildung

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funktioniert, aber die Gruppen verständigen sich nicht mehr über die Plattform (nicht einmal pro Forma). Sie treffen sich wieder ganz traditionell in Arbeitsräumen der Universität oder in der Bibliothek und kooperieren face to face. Das in vorherigen Semestern oft angeführte Problem, dass man keine gemeinsamen Termine für Arbeitsgruppen mehr fände, scheint nicht mehr zu gelten. Auch Einträge in Foren finden kaum noch statt. Ist die Plattform überflüssig geworden?

Diese Frage hat der Dozent natürlich immer am Ende des Semesters gestellt. Die Ausgangsfrage war üblicherweise: Wenn der Dozent die Inhalte der Plattform soweit ausbaut und ergänzt, dass die Vorlesung in allen Details lückenlos dokumentiert ist, wäre er (der Dozent) verfechtbar. Die Studierenden könnten die Veranstaltung vollständig online verfolgen und auch ihre Ergebnisse der Übungen einzeln oder in Gruppen abgeben. Ist das gewünscht?

Nein, antworten die Studierenden unisono. Sie wollen kein Fernstudium, keine Selbstlerneinheiten. Der Dozent / die Dozentin muss vorne stehen und ansprechbar sein, er / sie muss in einer Sprechstunde erreichbar sein – auch wenn diese Möglichkeit dann von den Studierenden gar nicht wahrgenommen wird. Die Studierenden begrüßen es nachdrücklich, dass auf der Platform alle Unterlagen bereitgestellt sind, die zur Nachbereitung einer versäumten Vorlesung erforderlich sind – obwohl diese Nachbereitung dann gar nicht stattfindet. Nur zur Bearbeitung der Übungsaufgaben wird die Plattform tatsächlich genutzt. Sie erfüllt also die Aufgaben eines klassischen „Readers“, wie er früher in gedruckter Form von den Dozenten / den Dozentinnen vorbereitet und verteilt wurde.

Bedauerlich ist, dass der Mehrwert, den ein online-Reader gegenüber dem klassischen gedruckten Reader eigentlich hat, nämlich die Möglichkeit der Kommunikation in Foren und der Kooperation in gemeinsam erstellten Dokumenten (Wikis) kaum wahrgenommen wird. Die Unabhängigkeit von Raum und Zeit bei der Arbeit mit einer Internetplattform wird zwar gefordert, scheint aber im Alltag des Studiums nur eine geringeRolle zu spielen.

Ist das ein Akzeptanzproblem? Ausgerechnet bei einer Generation von Studierenden, die man zu den digital natives zählt?

Wie viele Lehrende, die mit großem Arbeitsaufwand ein Prinzip von blendet learning erproben, bin auch frustriert von der zurückhaltenden Reaktion der Studierenden. Man fühlt sich ausgenutzt und nicht angemessen gewürdigt in seinen Bemühungen, den Studierenden den Studienalltag zu erleichtern. Die Straffung des Studienverlaufs durch die Bachelor- Studiengänge hat zweifellos zu einer Verdichtung des Arbeitslltags geführt, und vor allem die jedes Semester stattfindende Abprüfung der Kenntnisse zur Erlangung der Ceditpoints setzt die

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Studierenden unter Druck. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik soll und könnte die Lehre verbessern und ein effizienteres Lernen ermöglichen. Es wird aber oft übersehen, dass das für die Lehrenden erhebliche Mehrarbeit bedeutet. Wenn dann deutlich wird, dass die Studierenden das ganze Füllhorn neuer Lernmöglichkeiten zwar fordern, aber kaum nutzen, ist das für die Lehrenden enttäuschend.

Als Dozent / als Dozentin ist man natürlich immer überzeugt, dass es am mangelnden Engagement und Interesse der Studierenden liegt, wenn die regelmäßige Teilnehme an der Veranstaltung im Lauf des Semesters abbröckelt und man nur durch benotete Leistungskontrollen eine Rückkopplung erfährt. Aber könnte es nicht sein, dass die Vorlesung einfach langweilig ist? Wenn die Präsenz-Vorlesung langweilig dargeboten wird, wird wahrscheinlich auch die schriftliche Dokumentation der Inhalte die Studierenden langweilen. Studierende haben auch ein Leben außerhalb des Studiums. Sie wollen zwar einen Abschluss erreichen, aber nicht alles zu Lernende interessiert sie wirklich.

Tröstlich aus Sicht des Dozenten ist, dass die Studierenden bei einer Abschlussdiskussion über die Qualität der Veranstaltung eigentlich immer betonen, wie wichtig der freie Vortrag des Dozenten für sie ist und dass sie den persönlichen Kontakt in der Vorlesung dem Selbstlernen über Internet vorziehen. Ehrlicherweise muss man sich aber doch eingestehen, dass die Teilnehmerzahl gegen Ende des Semesters absinkt (an der Universität Bremen werden im Allgemeinen keine Anwesenheitslisten geführt, die Präsenz in der Veranstaltung ist also freiwillig und die Nichtanwesenheit hat keine Folgen für die Studierenden). Daraus kann man schließen, dass nur noch diejenigen Studierenden ein abschließendes Urteil über die Veranstaltung abgeben, die an den Inhalten interessiert sind und den Dozenten / die Dozentin schätzen. Was aber ist mit den anderen, die zwar die erforderlichen Leistungskontrollen schriftlich oder mündlich bewältigt haben, aber kaum anwesend waren und sich auch auf der Plattform nicht in Foren durch Beiträge bemerkbar machen? Ist der Verdacht berechtigt, dass sie auch bei Gruppenarbeiten nicht wirklich aktiv waren sondern von der Gruppe „mitgezogen“ wurden?

Zusammenfassung und Empfehlungen

– Die Erwartungen an die Verbesserung des Lernprozesses durch „Lernplattformen“ und „Blended Learning“ werden oft überschätzt. Trotzdem hat die Nutzung digitaler Medien in Lehr- und Lernprozessen deutliche Vorteile, die genutzt werden sollten:
– Die Dokumentation der Inhalte der Lehrveranstaltung kann von den Studierenden jederzeit und ortsunabhängig vom Internet abgerufen werden. Aktualisierungen sind jederzeit

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möglich. Technische Einschränkungen wie fehlende Arbeitsmittel (Laptop, Smartphone usw., Zugang zu WLAN) sind heute kam noch gegeben.
– Plattformen erleichtern die Interaktion und Kommunikation zwischen den Teilnehmern, aber auch zwischen Teilnehmern und Dozenten. Dies kann zu vereinbarten Terminen (Chat) wie auch zeitversetzt (Messenger, Forum, Wiki) geschehen.

– Die Verwaltung von Prüfungsverfahren wird vereinfacht: Aufgaben werden auf der Plattform veröffentlicht, Leistungen werden nach vorgegebenen Standards hochgeladen, Benachrichtigungen und Noten werden personalisiert versendet.
– Die online-Verfügbarkeit der Veranstaltungsinhalte verleitet die Studierenden dazu, die persönliche Anwesenheit in der Veranstaltung zu reduzieren. Der Kontakt der Studierenden zum Dozenten / zur Dozentin wird schwächer, das Verbälter wird anonymer. Die Möglichkeit der online-Kommunikation gleicht dies nicht aus. Die Studierenden kommunizieren zwar untereinander sehr intensiv in sozialen Netzwerken, aber nicht mit den Dozenten. Sie scheuen sich, Wissenslücken in Veranstaltungsforen öffentlich zu machen.

– Die Akzeptanz seitens der Studierenden wäre sicherlich größer, wenn die Gestaltung der Plattform als gemeinsamer Prozess von Veranstalter und Teilnehmern gesehen würde. Bei einer länger als nur ein Semester dauernden Zusammenarbeit, z.B. in Projektform, könnte die Plattform als Kommunikationsforum sehr fruchtbar sein und die Zusammenarbeit stimulieren. Für den Einsatz an Schulen könnte dies ein wichtiger Aspekt sein.

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